Aktivismus Aufklärung Gegenöffentlichkeit Globalisierungskritik Kampagnen Mediensystem Mobilisierung Vernetzung

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  • Globalisierungskritiker aller Länder vernetzt euch!

    Die Kommunikationsgeschichte einer Netzwerkorganisation im Real Life und im Web

    Wenn ich regelmäßig twitter-Meldungen oder facebook-updates bekomme, was in Attac Frankreich passiert, bin ich auch emotional viel mehr in Kontakt. So ist es dann viel wahrscheinlicher, dass ich dort nachfrage und in “richtigen” Kontakt trete. Dann ist Attac kein abstraktes Gebilde, sondern es sind Gesichter und Namen dahinter, ganz konkret.
    Aktivistin bei der Europäischen Attac Sommeruniversität

    Attac versteht sich nicht als zentrale Organisation sondern als Netzwerk autonomer regionaler Gruppen. Das internationale Attac-Netzwerk organisiert sich als Plattform einer Grenzen und Sprachen überbrückenden, transnationalen Bewegung, die auf der Basis gemeinsamer Themenstellungen und Prinzipien ihre Kampagnen auf regional und länderspezifisch je unterschiedliche Arten und Weisen durchführt. In Deutschland und Österreich sind es tausende Aktivist_innen und Interessierte, die über E-Mail-Verteiler Informationen austauschen, in regionalen Treffen Strategien diskutieren oder thematischen Bildungsnetzwerken mitarbeiten, die mal an Konferenzen teilnehmen und mal selbst Konferenzen, Sommerakademien oder Foren organisieren, und die immer wieder zu internationalen Treffen und Sozialforen reisen.

    Soziales Netzwerk ohne einheitliches Strickmuster

    Das Internet reflektiert, unterstützt und verstärkt den Netzwerkcharakter der Bewegung. Es ermöglicht, dass diese globalisierungskritische Bewegung die ganze Welt umspannt. Globalisierungskritik ist per se transnational ausgerichtet und setzt sich also über bestehende Grenzen hinweg, hinterfragt ihr Bestehen. Noch bevor die Bewegung mit den öffentlichen Kristallisationspunkten wie den Straßenprotesten gegen den WTO-Gipfel in Seattle 1999 oder den G8-Gipfel in Genua 2001 in die massenmedialen Schlagzeilen geriet, war sie “unter der Oberfläche” vernetzt, kommunizierte per E-Mail-Foren, tauschte Informationen über die ebenfalls transnationalen Verhandlungen der Wirtschaftsmächte aus und trug auf Webseiten wie «WTOWatch.org» Wissen zusammen.

    Spätestens beim ersten Weltsozialforum 2001 in Porto Allegre wurde dann diese neue transnationale Bewegung sichtbar, die bis dahin undenkbar schien. Über Handy und Internet organisiert, symbolisierte sie ein neues politisches Bewusstsein und einen neuen Aktionismus jenseits traditioneller Formen politischen Handelns – formiert als Gegenbewegung zur Freiheit transnationaler Investoren.

    Attac als ein wichtiger Teil dieser neuen globalen sozialen Bewegung verdankt seine Entstehung paradoxerweiser einem profanen, wenn auch international verbreiteten, Stück Zeitungspapier. Ignacio Ramonet, Chefredakteur der in acht Sprachen erscheinenden «Le Monde Diplomatique», publizierte im Dezember 1997 einen Aufruf zur Kontrolle der Finanzmärkte. Aus dem französischen «Association pour une taxation des transactions financières pour l´aide aux citoyens» entsteht das Kürzel Attac. Attac Frankreich wurde am 3. Juni 1998 gegründet; seitdem folgten in über 50 Ländern weitere Gründungen – noch 1999 in der Schweiz, in Deutschland am 22. Jänner 2000, in Österreich am 6. November desselben Jahres.

    Trotz dieses zeitlich und räumlich klar definierten Ausgangspunktes konstituierte sich Attac international nicht als formale Organisation, sondern als Netzwerk von autonomen Ländergruppen und setzt bewusst einen Rahmen für politisches Handeln, der sich von traditionellen, oft starren Formen unterscheidet. Das internationale Attac-Netzwerk mit der Homepage attac.org verfügt über kein zentrales Büro, keine top-down Strukturen, in denen internationale Kampagnen gestrickt werden. Trotz gemeinsam festgelegter Themenstellung und Prinzipien – Globalisierungskritik, ideologischer Pluralismus, Gewaltlosigkeit, keine Kandidatur für ein Parlament, … – ist Attac in den verschiedenen Ländern sehr unterschiedlich organisiert und ausgeprägt.

    Attac-Web-Plattformen – national

    Die Websites von Attac waren früh “Community Plattformen” und Anker für “Soziale Netzwerke”, bevor der Begriff der «Social Media» populär wurde. Allen stand offen, Benutzerkonten einzurichten, Termine einzutragen und Infos, Dateien und Links in die Foren zu posten. So wie es nur der selbstorganisierten Initiative und keiner top-down-Genehmigung bedurfte, eine Attac-Gruppe zu gründen, so stand es auch offen, die Attac Websites für diese Gruppen zu nützen.

    Heute ist die Web-Plattform der österreichischen Gruppen Attac-Community – basierend auf Freier Software. Die Gruppen präsentieren dort auf eigenen Seiten ihre Arbeit sowie Termine und Aktivitäten. Zusätzlich steht den Aktivist_innen ein WIKI zur Erstellung von Tagesordnungen, Positionspapieren, etc. zur Verfügung. Zentrales elektronisches Kommunikationsmittel zwischen und innerhalb der Gruppen sind Mailinglisten. Das Web-Forum der Attac-Community konnte sich hingegen nicht als bedeutender Kommunikationsraum etablieren und wird nur von einzelnen Gruppen genutzt.

    Auch bei Attac Deutschland findet sich die Vielfalt und Eigenständigkeit der dezentralen Gruppen anschaulich im Netz wieder Attac-Netzwerk. Die rund 250 Gruppen, AGs, Kampagnen und Gremien, die in den Anfangszeiten noch ihre eigenen Seiten auf einem gemeinsamen Server pflegten, sind inzwischen in eine gemeinsame Webplattform integriert, die zum Beispiel den automatisierten Austausch von Dateien, Terminen, Meldungen etc. unterstützt. In ihrer Arbeitsweise und Präsentation sind sich die österreichischen und deutschen Attac-Gruppen sehr ähnlich.

    Zwischen Bildungsnetzwerk und Kampagnen-NGO

    Von Anfang an stand die Kritik an der Politik internationaler Institutionen im Zentrum, welche bis dahin der öffentlichen Debatte und Kritik weitgehend entzogen waren; Weltbank, G8 oder das Weltwirtschaftsforum in Davos sowie vor allem «World Trade Organisation» (WTO) und «Internationaler Währungsfonds» (IWF). Attac setzte dagegen nicht auf “klassische” Kampagnenarbeit sondern auf Aufklärung. Gegen die Intransparenz demokratisch nicht legitimierter Organisationen wurde ganz bewusst ein umfassender Bildungsanspruch als Voraussetzung für kritische Bewusstseinsbildung und gesellschaftliche Emanzipation und Partizipation verfolgt. Wissenskritik wird den als alternativlos dargestellten hegemonialen Strukturen und der Sachzwanglogik globaler Konkurrenz entgegengestellt.

    Dem Anspruch der Aufklärung sind bei rein auf Massenmedien abzielende Kampagnen enge Grenzen gesetzt. Der Begriff “Ökonomische Alphabetisierung” bezeichnete daher von Beginn an die Strategie, ökonomisches Wissen zu kontextualisieren, demokratisieren und enthierarchisieren. Je stärker sämtliche Lebensbereiche marktwirtschaftlichen Prinzipien unterworfen sind, desto mehr ist dieses Wissen für eine Partizipation im demokratischen Prozess erforderlich. Mit der Expertokratie der Ökonomen geht eine entdemokratisierte Politik der Verhandlungen hinter verschlossenen Türen einher.

    Formen dieser alternativen Wissensvermittlung sind Buchpublikationen, Vorträge, Podiumsdiskussionen und große Bildungsveranstaltungen wie etwa die Attac-Sommerakademien, aber auch Aktionen im öffentlichen Raum. Verbreitung finden Texte, Hinweise und Berichte von Veranstaltungen via E-Mail-Verteilern, Bilder, Diskussionsforen und die Liste der E-Mail-Verteiler, von regional und thematisch zentriert bis zu transnationalen Informationsnetzwerken, gibt es auf den Attac Webseiten.

    Unverzichtbar bleibt dabei professionelle Kampagnen- und Pressearbeit. Die Bewegung muss über mediale Präsenz auch gesellschaftliche Breite und öffentlichen Druck auf die Politik entfalten und sich so letztendlich auch selbst stabilisieren. Da sich Öffentlichkeit nach wie vor hauptsächlich über Massenmedien konstituiert, ist deren Bedeutung ungebrochen: «Eine Bewegung, (über) die nicht berichtet (wird), findet nicht statt.»

    Regionale und nationale Kommunikationsnetzwerke

    Für die politische Nahversorgung, die lokale Verbreitung von Informationen und Wissenskritik spielen Attac-Gruppen der regionalen Ebene eine wichtige Rolle. In Österreich setzen derzeit rund 30 Attac-Regionalgruppen als “politische Nahversorger” Veranstaltungen und regionale Öffentlichkeits- und Bildungsarbeit um, in Deutschland sind es rund 200. Diese lokal agierenden Gruppen haben einen hohen Grad an Autonomie und agieren selbstorganisiert. Sie machen Auswirkungen neoliberaler Globalisierung auf lokaler Ebene sichtbar und stellen anschaulich den Bezug zwischen lokalen Realitäten und der Politik her, die unsere Regierungen direkt oder indirekt in globalen Institutionen vorantreiben und mitbeschließen. Regionalgruppen organisieren dazu auch eigene Kampagnen. Ein Beispiel dafür ist die Kampagne «Steuergerechtigkeit statt leerer Gemeindetöpfe» in Österreich, welche die Auswirkungen von neoliberaler Steuer- und Sparpolitik auf gemeindeeigene öffentliche Dienste thematisierte. In Deutschland trommeln viele Regionalgruppen etwa zum öffentlichen Protest gegen die Privatisierung öffentlichen Eigentums, etwa in Berlin oder Leipzig.

    Strassenaktion Bankenrettungsschirm 2010Attac stürmt die Frankfurter BörseStopp GATS Kampagne

    KAMPAGNEN & AKTIONEN – REGIONAL, NATIONAL UND GLOBAL
    ➊ Überall wo es aktive Attacies gibt, gibt es auch Aktionen und Information zu den Themen und Positionen von Attac: hier ein Rettungsschirm in einer Fussgängerzone in Niederösterreich.
    ➋ Am 27. Oktober 2008 besuchen ein paar Attacies die Frankfurter Börse. Die Aktion «Attac im DAX!» kommt auch in den Mainstream Medien gut an.
    ➌ Seit 2003 beteiligen sich allein in Österreich mehr als 50 Nicht-Regierungs-Organisationen (NGOs) aus allen gesellschaftlichen Bereichen an der Stopp-GATS-Kampagne; die Kampagnen werden global auf Länderebene und bis zur Gemeindeebene geführt.

    Regionalgruppen sind zusätzlich in nationale wie auch in internationale Kampagnen wie etwa bei «Stopp GATS» eingebunden, was hohe Anforderungen an demokratische interne Kommunikationsprozesse stellt. Die wichtigsten Orte inhaltlicher und strategischer Diskussion sind regionale und überregionale Treffen, die über das Netz einfach vorbereitet und dokumentiert werden können. Zu Treffen dieser Art zählen die zweimal jährlich stattfindenden Aktivist_innenversammlungen oder die Attac-Sommerakademie.

    Sowohl Attac Österreich als auch Attac Deutschland richten jährlich Sommerakademien aus. Sie sind nicht nur das bildungspolitische Hauptereignis, sondern mit etlichen Hundert Teilnehmer_innen auch bedeutende Treffpunkte der Attac-Bewegung. In der Regel findet sie im Juli (Österreich) oder August (Deutschland) vier Tage lang an wechselnden Orten statt. Bildung, Weiterbildung und Vernetzung sind die zentralen Ziele. Mindestens ebenso bedeutend ist aber ihre Funktion als sozialer Raum des Feierns und Tanzens, in dem politischer Aktivismus auch als Lebenseinstellung zelebriert wird. Mit den Aktionsakademien haben die Sommerakademien kleine Schwestern bekommen. Dort lernen die Aktivist_innen politisches Engagement durch kreative Aktionen im öffentlichen Raum sichtbar zu machen.

    Von Porto Allegre aus zum globalen Netzwerkplayer

    Nach den ersten Zusammenkünften der internationalen Attac-Gruppen beim Weltsozialforum 2001 in Porto Allegre begannen die europäischen Attac-Gruppen sich halb- bis dreivierteljährlich zu treffen. Standen zu Beginn gegenseitiges Kennenlernen und Finden gemeinsamer demokratischer Arbeitsweisen im Vordergrund, entwickelten sich diese Treffen bald zu Räumen, in denen gemeinsam politische Strategien, Aktionen und Kampagnen auf europäischer Ebene diskutiert sowie Informationen über aktuelle Entwicklungen ausgetauscht wurden. Darüber hinaus finden auch stets Treffen am Rande anderer “Fixpunkte” der Bewegung (G8, G20-Gipfel) statt.

    Die Nutzung neuer Medien wurde zunehmend Teil sowohl der Kommunikation im gesamten transnationalen Netzwerk als auch der Kampagnenstrategien. Zwischen den Kristallisationspunkten der Sozialforen wird die Gesamtkoordination in der Arbeit vorrangig über Mailinglisten und in monatlichen Telefonkonferenzen vorangetrieben. Erste Internationale Blogs gab es 2005 zum G8-Gipfel in Edinburgh oder dem WTO-Treffen in Hongkong. Eine gemeinsam kampagnisierte Position entwickelte das europäische Attac-Netzwerk auch zur Finanzkrise: «The time is ripe». Attac ist zusätzlich in zahlreichen offenen internationalen Netzwerken vertreten, in denen Expertisen und Wissen geteilt und internationale Aktivitäten koordiniert werden. Gemeinsam mit anderen Bewegungen hat Attac erfolgreich gegen den Abschluss der WTO Doha-Entwicklungsrunde kampagnisiert, die Treffen der G8 Minister delegitimiert und den ursprünglichen Vorschlag einer EU-Verfassung zu Fall gebracht.

    Kampagnen wie jene zur EU-Dienstleistungsrichtlinie, die «Faces du Non!» zum EU-Verfassungsreferendum 2005 in Frankreich, die «10 Prinzipien für einen demokratischen EU-Vertrag» im Jahr 2007 oder «No-Means-No» für die Akzeptanz des irischen Nein zum Lissabonvertrag im Jahr 2009 zeigen, in welchen Formen sich Attac auf europäischer Ebene vernetzt. Da die zentralen Weichen europäischer Politik verstärkt auf EU-Ebene gestellt werden, agiert Attac in den letzten Jahren vermehrt in diesem Kontext. Die Gegenkonferenz zu den Treffen der EU-Finanzminster – der Alternative Ecofin – ist ein Beispiel dafür, wie zudem nationale Ideen und Kampagnen in anderen Ländern aufgegriffen werden.

    Explizit als Kampagnenplattform konzipiert ist ein europäisches Bündnisprojekt, das Attac mit dem Fokus Finanzmarktregulierung 2009 mitinitiiert hat. Gemeinsam mit Friends of the Earth Europe und anderen zivilgesellschaftlichen Organisationen wurde die Entwicklung eines “Cyber Action Tool” (CAT) ermöglicht, das als Widget für verschiedene Webseiten angepasst werden kann, um so Online-Aktionen zu einer viralen Verbreitung zu verhelfen. Dieses Tool wurde erstmals im Rahmen der globalen Unterschriftenkampagne für die Finanztransaktionssteuer anlässlich des G20 Gipfels im Juni 2010 in Toronto mit der “Mutterseite” «www.makefinancework.org» eingesetzt. Mehr als 150.000 Unterschriften wurden beim Gipfel übergeben. Ein Vorläufer dieses Tools war eine zivilgesellschaftliche Verpflichtungskampagne rund um die EU-Parlamentswahlen 2009 mit dem Titel «Nehmen Sie Ihre Kandidat_innen in die Pflicht».

    ACT together now! Von ESA und ENA

    Schon 2002 entstand auf internationaler Ebene die Vision, eine europäische Attac-Sommerakademie (ESU) zu organisieren, um größere Räume für das Kennenlernen, Austauschen und Vernetzen von Attac-Aktivist_innen zu schaffen. Mit der ersten Europäischen Attac Sommeruniversität (ESU), die vom 1. bis 6. August 2008 stattfand, wurde dieses große Projekt der transnationalen Attac-Vernetzung Wirklichkeit. Über 800 Attac-Aktivist_innen aus 28 Ländern nahmen teil, arbeiteten zusammen, lernten sich kennen und schufen neue Verbindungen im Kommunikationsgeflecht, sei es per E-Mail, Facebook oder Twitter.

    Die ESU leistete einen wichtigen Beitrag zur besseren Verständigung und Zusammenarbeit der nationalen Attac-Sektionen, insbesondere zwischen den Aktivist_innen auf lokaler Ebene und somit für eine starke globalisierungskritische Bewegung in Europa. Auf der ESU bildeten sich über fünfzehn europäische Arbeitsgruppen und Netzwerke mit konkreten Vorhaben heraus, zum Beispiel «Aquattac» (das Netzwerk gegen Wasserprivatisierung) oder eine Gruppe zum Thema Arbeit, die im Herbst 2008 eine erste erfolgreiche Aktion zur Arbeitszeitrichtlinie der EU initiierte. Als Fortführung und Weiterentwicklung der ESU wird vom 9. bis 14. August 2011 in Freiburg die European Network Academy for Social Movements (ENA) stattfinden.

    Attac-Web-Plattformen – transnational

    Auf der Europäischen Attac-Sommeruniversität 2008 wurde von einem kleinen Team internationaler Attac-Webmaster die Idee geboren, die bis dato statische und im Informationsgehalt sehr überschaubare internationale Webseite attac.org als “Workspace” für internationale Arbeitsgruppen zu nutzen. Das Ziel: Die Seite sollte ein soziales Netzwerk mit individuellen Profilen und Blogs, Gruppen, Kalender, Wiki, Fotogalerien und einen Bereich für internationale Kampagnen zur Verfügung stellen sowie mittels Feeds Neuigkeiten nationaler Attacs zusammenführen. 2009 erhielt die Plattformentwicklung dank der Mitwirkung eines Webentwicklers einen kräftigen Schub – mit der freien Software drupal wurde die neue Plattform aufgebaut. Einige kleinere Attac-Sektionen verzichten aufgrund dieses Angebots mittlerweile sogar auf eine eigene Website und streuen ihre Infos hauptsächlich über ein entsprechendes Gruppen-Blog.

    Die transnationale Community-Plattform konnte zwar noch nicht als Kampagnenplattform genutzt werden, wohl aber für die Berichterstattung über gemeinsame Aktivitäten: Der G20-Gipfel in Pittsburgh, der Klimagipfel in Kopenhagen oder WTO-Gipfel in Genf sind nur drei der Ereignisse, bei denen Attacies aus verschiedenen Ländern 2009 gemeinsam auf attac.org zu einem mehrsprachigen Blog beigetragen haben, das übersetzt allen Attacs gleichermaßen zur Verfügung stand. Auszüge des G20-Blog wurden auf «standard.at» übernommen. Attac.org soll 2011 auch der European Network Academy for Social Movements (ENA) als Arbeitsplattform dienen können.

    Erfahrungen aus der Vernetzungs-Praxis

    Soziale Netzwerke wie Facebook, Twitter und Co. bieten neue Möglichkeiten der aktuellen und effektvollen Öffentlichkeitsarbeit, die auch für intern mobilisierende Kraft entfalten kann. Das beschreibt Robert Misik sehr schön anhand des Obama-Wahlkampfs. Zudem kann der “Buzz” eines Web 2.0 – Dienstes bewegungsartige Formen wie bei unibrennt annehmen und zu Aktivierung auch außerhalb der Internetkommunikation führen. So skizziert Philipp Sonderegger das hier ja auch als Ziel für die Zivilgesellschaft und das konnten wir durch diverse Online-Aktionen auch seitens Attac schon manchmal erleben. Als zentrale Arbeitsebene für längerfristige und vertrauensvolle politische Zusammenarbeit taugen Facebook und Co. naturgemäß nicht. Politisch orientierte Social Media Plattformen wie attac.org bieten für diese Zusammenhänge zahlreiche Werkzeuge, die die Zusammenarbeit und Außendarstellung vereinfachen.

    Es gibt freilich auch Startschwierigkeiten, «attac.org» erhält zwar viele Seitenaufrufe und rund 2.000 User_innen sind angemeldet, die Bedeutung eines zentralen Kommunikationsinstruments für Attac hat es aber noch lange nicht erreicht. Das hat im Wesentlichen folgende Ursachen:
    Das “technische Personal” nationaler Attacs ist bereits mit der eigenen Webpräsenz ausgelastet. Die Konfiguration und Pflege des Systems ruht im Wesentlichen auf den Schultern eines einzelnen verdienstvollen Webmasters. Weitere technische und finanzielle Investitionen in die Plattform sind nötig, um sie attraktiv zu machen und einen reibungslosen Workflow zuzulassen. Für (großteils auf Ehrenamtlichkeit basierende) soziale Bewegungen ist das Ressourcenproblem ein ständiger Begleiter – auch und gerade in Zeiten von Social Media.

    In der Breite ist weiterhin ein Vorrang lokaler und überschaubarer Kommunikationsformen zu erkennen. Ehrenamtliche Aktivist_innen in regionalen Gruppen haben eigene Aktivitäten und nationale Kommunikationsstrukturen zu überblicken – die internationale Vernetzung mittels der gebotenen Möglichkeiten zu verfolgen stellt für viele eine Überforderung dar. Gruppen oder Personen, die in der internationalen Zusammenarbeit sozialer Bewegungen nach außen Kontinuität und nach innen eine Filterfunktion übernehmen können, sind daher von großer Wichtigkeit. Den Vorrang der Nutzung lokaler Angebote zeigt übrigens auch das “User_innen-Verhalten” auf Facebook. Die Bedeutung der Anfang 2008 gegründeten internationalen Attac Facebook-Gruppe, ist mit danach folgenden Einführung nationaler Attac Facebook-Fanpages stark zurückgegangen.

    Wie das Beispiel ESU zeigt, sind es vor allem die großen internationalen Treffen der Aktivist_innen, die die Basis für eine anschließende erfolgreiche Vernetzung via Social Media legen. Arbeitsgruppen in internationalen Kontexten können so viel leichter zu konkreten Anlässen und Themen zusammentreten. Dennoch gilt: Jede Nutzer_innengruppe sucht und etabliert sich immer ihre eigenen, passenden Kombinationen vorhandener Angebote. So ist sich etwa die koordinierende europäische Attac-Arbeitsgruppe der Bedeutung und Notwendigkeit der Plattform zwar prinzipiell bewusst, nutzt aber weiterhin die etablierten Kommunikationsmittel Mailingliste und Telefonkonferenz, zumal ein neuer Kanal eine gewisse technische Experimentierfreudigkeit voraussetzt.

    Neue technische Möglichkeiten führen also keinesfalls “automatisch” zu mehr Vernetzung. Etablierte Kanäle und Medien behalten ihre Bedeutung und werden auch durch die attraktivste Benutzeroberfläche nicht obsolet. Ist die “physische” Vernetzung davor auf zu niedrigem Level können letztere als leere Hülle eines potentiellen Austauschraumes sogar eine kontraproduktive Rolle spielen. Letztlich gilt für Social Media wie für alle anderen Medien auch: Ein Kommunikationskanal lässt sich nicht verordnen.

    Europäisches SozialForum in Paris 2003World Social Forum Dakar 2011ESU 2009

    TRANSNATIONALE NETZWERKTREFFEN – SOMMERAKADEMIEN UND SOZIALFOREN
    ➊ Bei den Europäischen Sozialforen (ESF) treffen sich nicht nur Attacies aus vielen Ländern, hier geht es um die Verteilung von Informationen, die Arbeit an europäischen Netzwerken und die sozialen Mobilisierungen in europäischen Ländern.
    ➋ Attac ist im Rat des Weltsozialforums vertreten. Das Weltsozialforum (WSF), zu Beginn 2001 als Gegenveranstaltung zum Davoser Weltwirtschaftsforum konzipiert, findet mittlerweile alle zwei Jahre statt und entwickelt sich mehr und mehr zum Treffpunkt der globalen Zivilgesellschaft, um am Projekt einer «anderen Welt von unten» zu arbeiten.
    ➌ Von den Europäischen Attac-Sommerakademien gehen seit 2008 vielversprechende Impulse aus, länderübergreifende Projekte werden gestartet und vorangetrieben.

    Auf dem Weg zu einer neuen emanzipatorischen Gegenöffentlichkeit?

    Je mehr die Hoffnung auf Demokratisierung klassischer Massenmedien durch den wachsenden Einfluss von Wirtschaft und Parteien schwindet, desto größer wird die Sehnsucht, eine Gegenöffentlichkeit abseits hegemonialer Strukturen zu etablieren. Der Traum von der machtvollen transnationalen Gegenöffentlichkeit im Web 2.0 als Korrektiv zu ökonomischen und formalen Restriktionen klassischer Massenmedien bietet eine große Projektionsfläche für Sehnsüchte – gerade im Rahmen von globalen sozialen Bewegungen. Ambivalenzen beginnen jedoch schon bei den vorhandenen großen Plattformen. Der durchschlagende Erfolg von YouTube und Facebook kann von einer Bewegung, welche die Kommerzialisierung öffentlicher Räume und kommerzielle Verwertung privater Daten anprangert, nicht unkritisch diskutiert werden. Zugleich haben diese Dienste für den semi-öffentlichen Austausch über auch politische Themen dermaßen stark an Bedeutung gewonnen, dass jede hier abstinente Organisation ins strategische Abseits manövrieren wird.

    Eine Gegenöffentlichkeit, die nicht nur der Selbstbestätigung und Selbstidentifikation dient, muss auch über sich hinauslangen und Massenmedien erreichen. Dabei ist offensichtlich, dass das Web die alleinige Macht der Massenmedien, die “physische Präsenz der demonstrierenden Massen” zu verdoppeln, gebrochen hat. Das Mobilisierungspotenzial neuer sozialer Medien und ihrer Schnittstellen zu massenmedialer Rückkopplung hat sich bereits eindrucksvoll bewiesen. Professionelle und kontinuierliche Pressearbeit kann dieses Wechselspiel entscheidend verstärken.

    Zusammenfassung

    Um das Potenzial für gesellschaftliche Veränderung auszuschöpfen müssen dem Protest – sei er virtuell oder physisch – fundierte Kritik, inhaltliche Kompetenz und Alternativen folgen. Das emanzipatorische Potenzial des Social Web wird letztlich auch dadurch definiert werden, wie gut es gelingt, mittels der Parameter Relevanz, Geschwindigkeit und Kürze Neugierde für neue Diskussionsräume zu schaffen und alternatives Wissen zu verbreiten, um auch auf diesem Wege zu einem selbstreflexiven, demokratischen und visionären Prozess beizutragen. Dieser Weg führt eben nicht über zentralisierende hierarchische Strukturen, sondern über transnationale Plattformen und Vernetzung – auch “vor Ort”.

    • Politische Zusammenarbeit braucht Verbindlichkeit und Vertrauen. Mailinglisten, Telefon- und Videokonferenzen können ein persönliches Treffen und einen gemütlichen Abend miteinander nur unzureichend ersetzen.
    • Internationale Zusammenarbeit lässt sich nicht herbeibeschwören. Sie erfordert – neben Fremdsprachenkenntnissen – eine Menge Disziplin, Durchhaltekraft, Zeiteinsatz und Reisekosten. Und (gerade was die Reisekosten angeht) eine Solidarität, die sich in Euro und Cent ausdrücken lässt.
    • Organisiert attraktive Bildungsveranstaltungen – und nutzt sie! Gerade die Sozialforen, Sommer- und Aktionsakademien aber auch die vielen Kongresse ziehen regelmäßig spannende und aktivitätswillige Menschen an. In der gelösten Stimmung vor Ort kommt man leicht ins Gespräch, bilden sich neue Ideen und oft legen diese den Grundstein für neue Aktionen und Kampagnen. Plant diese Veranstaltungen als Aktionsort mit ein!
    • Eine internationale Kampagne muss immer auch als nationale Kampagne funktionieren. Daher: besser Schnittstellen zwischen bereits gegebenen Interessen und Aktivitäten ausdeuten, statt nach dem Motiv “man müsste mal” zu verfahren und dann keine Aktiven zu finden.
    • Für eine gute Öffentlichkeitsarbeit sind Facebook & Co inzwischen unverzichtbar – sollten aber auch nicht überbewertet werden. Eine gute Homepage und ab und zu eine aufrüttelnde Mail an alle Interessierten bringen (zumindest im politischen Alltag) mehr Response. Lasst Euch nicht vom Spaßfaktor der Netzwerke blenden und setzt sie vor allem strategisch ein!
    • Neue technische Werkzeuge müssen von allen Beteiligten gewollt sein. Eine neue Groupware oder ähnliches lässt sich nicht verordnen. Wer technische Innovation in seiner Arbeitsgruppe erreichen möchte, setzt besser bei dem an, was die Menschen bereits kennen und nutzen: das senkt die Anpassungshürden.