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  • Widerstand im Global Village

    Von Ya Basta und Indymedia bis WikiLeaks

    «Die Aufgabe von unabhängigen Medien ist es, die Geschichte sozialer Kämpfe
    in der ganzen Welt zu erzählen.»
    Subcomandante Insurgente Marcos

    In einer globalisierten Welt kann auch politischer Aktivismus global sein – und wie ginge das besser, als via dem Netz? Rund um die Plattform indymedia.org entstand daher um die Jahrtausendwende das erste online-basierte Soziale Netzwerk für soziale Bewegungen. Inspiriert wurden die Aktivist_innen von «indymedia», einem kleinen, lokalen Aufstand in einer entlegenen mexikanischen Provinz, der noch einmal ein halbes Jahrzehnt weiter zurückreicht. Begonnen hatte alles in der Neujahrsnacht 1994, dem Tag des Inkrafttretens des Nordamerikanischen Freihandelsabkommens zwischen den USA, Kanada und Mexiko (NAFTA), mit dem Ausruf «Ya Basta!» eines gewissen noch unbekannten Subcomandante Insurgente Marcos.

    Auftritt Zapatistas

    Doch die erste Top-Meldung des Jahres 1994 kommt nicht aus einer Wirtschaftsmetropole, sondern einer mexikanischen Provinzstadt: Rebellen nahmen bei Nacht und Nebel San Christobal de Las Casas und einige umliegende Dörfer ein. Sie forderten würdige Lebensbedingungen für die indigene Bevölkerung und die Auflösung der NAFTA. Die Kämpfer nannten sich selbst Zapatistas und ihre Armee EZLN. In Mexiko galten sie bis dahin als Unruhestifter an der Grenze zu Guatemala, als kleine Flöhe, deren Bisse juckten, aber nicht schadeten. In den Redaktionsstuben von New York, Atlanta, London und Hamburg hatte man von ihnen noch nie gehört. Nun hatte ein Mann mit einer Skimütze, offensichtlich ein Sprecher dieser Armee im Krieg gegen den Staat Mexiko, eine Deklaration verlesen und erklärt «Fünfhundert Jahre wurden wir ausgebeutet, aber heute sagen wir: Es reicht!» Der internationale Presse-Tross trifft binnen weniger Stunden in Chiapas, Mexikos südlichsten und ärmsten Bundesstaat, ein. Dort finden die Journalisten nicht die erwartete lateinamerikanische Guerilla-Armee vor, keinen als Generalissimo auftretenden Rebellenführer. Was es gibt sind einige Tausend Bauern aus den Dörfern in den umliegenden Bergen und Dschungelgebieten, viele von ihnen nur mit hölzernen Attrappen statt echten Gewehren bewaffnet. Aber diese seltsamen Rebellen klagen an und haben gute Storys zu erzählen. 15.000 Menschen würden in Chiapas jedes Jahr an Unterernährung oder leicht zu behandelnden Krankheiten sterben, also mit einem Wort: an Armut. Und das, obwohl der Bundesstaat die erdölreichste Region Mexikos ist. Genau diese Probleme sollen sich doch durch die NAFTA bessern, wenden die Reporter ein, der freie Handel soll auch den Armen zugute kommen. Doch die Zapatisten haben einfache und medienwirksame Argumente vorbereitet. Sie halten Preisschilder in die Kameras, die belegen, dass die hochtechnisierte US-Agrarindustrie ihren Überschuss-Weizen in den Geschäften von San Christobal billiger anbieten kann, als die einheimischen Bauern ihren Mais. «Wie soll der freie Handel uns Kleinbauern mehr Wohlstand bringen?», fragen sie direkt in die Wohnzimmer der Konsument_innen.

    This is Chiapas – EZLN Effects of NAFTA CartoonShowdown in Seattle

    VON CHIAPAS NACH SEATTLE
    ➊ Der Subcomandante in einer Videobotschaft, bei der Verlesung der Deklaration «Wir erklären, dass wir ein Netzwerk zwischen all unseren Kämpfen und Widerständen gründen werden. Ein interkontinentales Netzwerk».
    ➋ Karikatur aus dem Jahr 2001 von Barry Deutsch, leftycartoons.
    ➌ Zum zehnjährigen Jubiläum des WTO-Millenium-Gipfels, der Gründung von Indymedia und des “Battle in Seattle” bringen die Medienaktivist_innen von damals eine Dokumentation der Ereignisse heraus und stellen diese auf den eigenen YouTube-Kanal: Indymedia Presents «Showdown in Seattle».

    Nach fünf Tagen schlagen Regierung und Armee, schlägt das Imperium zu. Das Militär rückt mit erdrückender Übermacht und schweren Waffen an, die Zapatisten weichen zurück. Sie verlassen die Stadt San Cristobal und die meisten “besetzten” Dörfer ohne Kampf. Einen Ort versuchen sie zu halten und zu verteidigen, doch nach sechs Tagen Dauerbeschuss und schweren Verlusten flüchten sie vor der Übermacht in den Dschungel. Die Armee folgt ihnen. Die Revolution scheint gescheitert, bevor sie richtig begonnen hat. Aber die Zapatisten haben über die Medien die Herzen der Menschen erreicht. Hunderttausend demonstrieren im Herzen von Mexiko-Stadt. Viele von ihnen tragen schwarze Masken, noch mehr rufen, «Wir alle sind Marcos!». In Mexiko ebenso wie international wird das Ende der militärischen Offensive gefordert. Die Zapatisten ließen von Anfang an keinen Zweifel daran, wer in diesem Krieg die Guten sind. In ihrer Deklaration erkennen sie die Erklärung der Menschenrechte und die Genfer Konvention an. Sie ersuchen das Rote Kreuz, alle Handlungen der EZLN auf deren Einhaltung zu überwachen. Marcos, der Mann unter der schwarzen Maske, hat Charisma und für die Berichterstattung von CNN abwärts zählt das mehr als Waffen. Tagelang empfängt er einen Journalisten nach dem anderen. «NAFTA», so diktierte er mit sanfter Stimme in die Mikrofone, «ist ein Todesurteil für die Indianer, ein internationales Massaker». Seine Worte gehen in die Welt hinaus. Am 12. Jänner erklärt die mexikanische Regierung unter dem medialen Druck den einseitigen Waffenstillstand.

    Ein interkontinentales Netzwerk alternativer Kommunikation

    Die Zapatisten hatten einen medialen Sieg errungen und sie verstanden, dass nur die Aufmerksamkeit der Massen in den mexikanischen Großstädten und die mediale Aufmerksamkeit “im Westen” die Bevölkerung und sie, die Kämpfer_innen der “Zapatistischen Armee der Nationalen Befreiung” EZLN schützen konnte. Sie begannen ein Netzwerk verschiedener solidarischer Aktivist_innen aufzubauen und sich um die Verknüpfung regionaler, nationaler und transnationaler Gruppierungen zu bemühen. Lokale ebenso wie global operierende Non Governmental Organizations (NGO) sind eingebunden, in Austin-Texas gründen Menschenrechtsbeobachter_innen zur Unterstützung das Zentrum «Acción Zapatista», weltweit nehmen politische Gruppen, Medienaktivist_innen und die kritischen Wissenschafter_innen Anteil. Bereits 1997 nennt Manuel Castells die EZLN die «erste Informationsguerilla-Bewegung». Die Infrastruktur für diese Netzwerk-Verbindungen bietet das Internet. Via Internet wird Unterstützung organisiert. Ein Netzwerk aus Freiwilligen lebt in den «Campamientos por la paz», in Friedenscamps in von Regierungstruppen besetzten indigenen Dörfern in Chiapas. Die Anwesenheit der Ausländer soll die Zivilbevölkerung vor Übergriffen schützen. Und via Internet erreichen die Kommuniqués der EZLN eine weltweite Öffentlichkeit. Texte, Tonaufnahmen und Videos werden digitalisiert durch die militärischen Linien geschmuggelt und via Internet veröffentlicht, aus dem Spanischen in andere Sprachen übersetzt und weitergeleitet. Die Informationssperre der mexikanischen Regierung und Massenmedien ist durchbrochen. Die Sprecher_innen der Zapatistas wenden sich in ihren Kommuniqués direkt an die Teilnehmer_innen von Friedenskonferenzen, an Indigene weltweit, an globalisierungskritische Gruppen, die Netzwerke der Feminist_innen, Aktivist_innen im Menschenrechts-, im politischen und im Medienbereich – und an die jeweiligen UseNet-Newsgroups dieser Netzwerke.

    Der globale Widerstand gegen den Neoliberalismus

    Die Kommuniqués der Zapatistas beschränken sich nicht auf einfache Berichte zur Lage. Sie haben literarische Qualität, stellen weitreichende Fragen, liefern tief gehende Konzepte für die Theoriebildung in unterschiedlichen Bereichen. Und sie enthalten den Aufruf und die Einladung zur globalen Zusammenarbeit, sie sprechen vom Wir. Im Sommer 1996 findet die «Erste interkontinentale Zusammenkunft für die Menschlichkeit und gegen den Neoliberalismus» im Dorf La Realidad, zu deutsch «Die Wirklichkeit», in Chiapas statt. Der Einladung sind Menschen aus 42 Ländern gefolgt, um an einer gemeinsamen Deklaration zu arbeiten. «Wer kann schon sagen, an welchem genauen Ort, zu welcher genauen Stunde diese ‚Internationale Zusammenkunft für die Menschlichkeit und gegen den Neoliberalismus’ begann? Wir wissen es nicht. Aber wir wissen, wer sie initiiert hat. Alle Rebellen auf der ganzen Welt haben sie gestartet», leitet der Subcomandante Marcos die Verlesung der Deklaration ein:

    «Wir verkünden: [...] Dass wir ein Kommunikationsnetzwerk zwischen all unseren Kämpfen und Widerständen gründen werden. Ein interkontinentales Netzwerk alternativer Kommunikation gegen den Neoliberalismus, ein interkontinentales Netzwerk alternativer Kommunikation für die Menschlichkeit. Dieses interkontinentale Netzwerk alternativer Kommunikation wird trachten, seine Kanäle so zu verweben, dass Worte auf allen Wegen des Widerstandes reisen können. Dieses interkontinentale Netzwerk alternativer Kommunikation wird das Medium sein, mit dem verschiedene Widerstände miteinander kommunizieren. Dieses interkontinentale Netzwerk alternativer Kommunikation ist keine Organisationsstruktur, es hat keinen zentralen Kopf oder Entscheidungsträger, kein oberstes Kommando und keine Hierarchien. Wir sind das Netzwerk, wir alle die sprechen und zuhören.»

    Von Seattle nach Chiapas nach Seattle

    Anfang 1999 fällt Jeff Perlstein ein “WTO-Flyer” in die Hände. «Damals hatte ich nicht die geringste Ahnung, worum es ging. Also ging ich auf eines der regelmäßigen Treffen und hörte mir an, was da in unsere Stadt kommen sollte.» Er lässt sich Grundzüge der WTO-Agenda erklären. In den kommenden Monaten vertieft er sich weiter in die Thematik und besucht Koordinationstreffen, die im Sommer 1999 von rund fünfhundert Leuten besucht werden. Jeff Perlstein selbst ist in Seattle in verschiedenen Sozial- und Medienprojekten tätig. 1996 hat er begonnen, sich bei einem Projekt namens «Counter Media» mit alternativen Medien zu beschäftigen. 1997 nimmt er an der «Free the Media»-Conference in New York teil und sieht dort Marcos’ Videobotschaft. Im Vorfeld der Milleniumsrunde in seiner Heimatstadt Seattle sieht er endlich die Gelegenheit gekommen, ein umfassendes Netzwerk für alternative Berichterstattung zu schaffen. Die Vorstellung, dass die Kritik der WTO und die Proteste der Aktivist_innen nur via CNN und CBS in die Welt hinausgetragen werden können, behagt dem Endzwanziger gar nicht. Ende September, acht Wochen vor dem Milleniums-Gipfel, beschließt er aktiv zu werden und lädt auf einem der Anti-WTO-Treffen alle Interessierten ein, einen öffentlichen Newsroom für den Gipfel vorzubereiten. Fünfzehn WTO-Gegner erscheinen zum ersten Treffen, eine Woche später schon 30 Leute, die Woche darauf 50. Medienaktivisten aus anderen Städten, mit denen Perlstein in losem E-Mail-Kontakt stand, wollen nach Seattle kommen und versprechen, ihre Ausrüstung mitzubringen.

    Perlstein wird eingeladen zur «Public Grassroots Media Conference», einem Treffen alternativer Medienmacher_innen, nach Austin-Texas zu kommen. Dort präsentiert er sein Rohkonzept und erreicht, dass sich das ganze Wochenende nur noch um Seattle dreht. Einige New Yorker Medienveteranen bringen mit ihrer Erfahrung Struktur in die Pläne, zwei Aktivisten aus Colorado erklären sich bereit, eine Website zu gestalten und die technischen Ressourcen bereitzustellen, andere versprechen, frei nutzbare Videoschnittplätze einzurichten, wieder andere wollen eine Print-Redaktion organisieren. Leute von der «Acción Zapatista» kümmern sich um Abläufe im Hintergrund. Sie definieren die Mechanismen zur Entscheidungsfindung in einem dezentralisierten und hierarchiefreien Netzwerk, wie sie es in Chiapas gelernt haben. «Sie haben diese ganze Idee von einem NEIN und vielen Ja eingebracht, dass wir alle gemeinsam Nein zu dieser Globalisierung sagen, aber jeder die Möglichkeit bekommt, sein eigenes, individuelles Ja dagegenzusetzen», erinnert sich Perlstein. Und die Aktivist_innen der Konferenz in Austin denken gemeinsam über den Anlass des WTO-Millenium-Gipfels hinaus, der zwei Monate später in Seattle stattfinden wird. Sie wollen den Prototypen eines Media Centers schaffen, das mensch an jeden Ort der Welt transferieren könnte und das überall binnen kurzer Zeit einsatzfähig wäre. Wo immer so ein Media Center in Gefolge eines Großereignisses wieder abgebaut wird, soll es eine Basisstruktur hinterlassen, mit der lokale Aktivist_innen weiterarbeiten können, sodass im Laufe der Zeit ein globales Netzwerk gewebt wird.

    Das neue Independent Media Center: Indymedia Seattle

    Zurück in Seattle wird das Independent Media Center, wie das Projekt halboffiziell heißt, für Perlstein und Dutzende Freiwillige schnell zu einem Vollzeitjob. Eine Organisation, die Wohngemeinschaften für Obdachlose betreibt, stellt ihnen ein leer stehendes Gebäude mitten im Zentrum der Stadt zur Verfügung; gratis, wenn die Journalist_innen die Entrümpelung und Renovierung übernehmen. Ein Scheck über 10.000 Dollar flattert von einem anonymen Spender ins Haus, angeblich von einem Ex-Microsoftie. Hardware und die dringend benötigten Telefonleitungen können angeschafft werden. Mitte November trudeln die Medienaktivist_innen aus den ganzen USA ein. Die Technik für die Videoproduktion, das Radio-Team, die Produktion der eigenen Zeitung «The Blind Spot» werden eingerichtet. Im letzten Moment, zwei Tage vor dem Gipfel, am 28. November, geht endlich die Website indymedia.org online. Auf der Plattform sollen all diese Medien zusammengeführt werden: Print, Radio und Video. Jede und jeder kann eigene Beiträge posten, ganz so, wie es ein Jahrzehnt später #unibrennt machen wird.

    Am 30. November 1999 blickt die ganze Welt nach Seattle, die Medien berichten vom “Battle in Seattle”, von Straßenschlachten, vom Einsatz der Nationalgarde, von einer Ausgangssperre ab sieben Uhr abends. Die Pressekonferenz des Bürgermeisters Paul Schnell ist ein Medienereignis. Schnell zeigt sich erschrocken von den Protesten, verteidigt den Polizeieinsatz aber ausdrücklich. Er bestätigt, was ohnehin offensichtlich ist, dass Tränengas und Pfefferspray eingesetzt worden waren. Der Bürgermeister bestreitet aber kategorisch den Einsatz von Gummigeschoßen. Zu seinem Pech gibt es aber die Video-Teams von Indymedia. Diese haben den ganzen Tag gefilmt. Als alle TV-Stationen die Aussage des Bürgermeisters ausstrahlen, reagieren die Medienaktivist_innen sofort und veröffentlichen online die Beweisvideos: Polizisten, die mit Gummimunition in die Menge schießen. Demonstrant_innen, die blaue, rote und beinahe schwarze Prellungen davontragen. Passant_innen, die die Munition aufheben und gut sichtbar in die Kameras halten. Damit hat das Independent Media Center sich selbst zur Zielscheibe gemacht. Eine Polizeieinheit bezieht Stellung auf der Third Avenue in unmittelbarer Nähe des Media Centers. Vor dem einzigen anderen Ausgang an der Rückseite des Gebäudes fahren zwei Mannschaftswagen vor, aus denen ein Dutzend Robocops klettern.

    Indymedia im Battle of Seattle

    Am frühen Abend des 30. November machen sich Polizei und Nationalgarde auf, die Innenstadt von Seattle von den Zehntausenden und vorwiegend friedlichen Demonstrant_innen zu säubern. Die Munitionsvorräte der Polizei sind wieder aufgefüllt, zuvor hatte das Ausgehen der Munition für Stunden zu einer Atempause geführt. Verstärkung ist eingetroffen, die Aktivist_innen des Medien Centers sind umstellt. Eine Gruppe von Leuten, die direkt vor dem Media Center steht, wird mit Tränengas beschossen. Die Menge wird in das Medien Center eingelassen, nachdem zuvor nur die eigenen Journalist_innen ein- und ausgehen konnten. Jetzt wird allen Unterschlupf gewährt, die sich gerade auf der Third Avenue befinden. Dann wird die Tür des Media Centers von innen versperrt. Während Sanitäter sich um die Tränengasopfer kümmern, fordern Polizisten in voller Rüstung die Herausgabe dieser Leute. Jeff Perlstein wird sich später erinnern, «dann folgte die angespannteste Stunde der ganzen Woche. Wir wussten nicht, ob sie das Gebäude stürmen wollten. Wir sind drinnen gesessen und haben auf indymedia.org live berichtet. Wir haben Bilder vom Tränengasangriff gezeigt. Wir haben ihnen acht Videokameras direkt in die Gesichter gehalten, während sie vor der Tür auf und ab gingen. Das scheint sie ein wenig verunsichert zu haben».

    Die Polizei verzichtet letztlich auf den Sturm des Media Centers und bietet den Eingeschlossenen freien Abzug an, bevor die Ausgangssperre in Kraft tritt. Wer blieb, musste die ganze Nacht durchhalten. Für die Indymedia-Crew war der Day of Action damit letztlich gelaufen. «Wir waren alle erschöpft und durcheinander von den Ereignissen des Tages. Wir entschieden, dass nur eine Notmannschaft von acht Leuten im Media Center übernachten sollte. Es gab dann ein recht tränenreiches Good-bye, weil keiner wusste, was die Polizei wirklich vorhatte.» Das verbleibende Team hält die Website am laufen, arbeitet Material auf, stellt online. Indymedia.org verzeichnet an diesem Tag mehr Zugriffe als die Website von CNN. Und das sollte die ganze Woche so bleiben.

    Die globale Durchschaltung von Indymedia

    Nach Seattle erlebt die globalisierungskritische Bewegung einen Aufschwung: Kaum ein internationales Treffen, bei dem nicht lautstark gegen den ökonomischen Mainstream des Neoliberalismus demonstriert wird. Und immer mittendrin: Ein Independent Media Center, aus dem Aktivist_innen für Aktivist_innen berichten. Aber das Konzept bleibt nicht auf Großproteste beschränkt. In einer Stadt nach der anderen, einem Land nach dem anderen finden sich regionale Aktivist_innen, die eine lokale Indymedia-Website betreiben. Jedes Land bespielt eine Subdomain auf der Plattform, also etwa de.indymedia.org und at.indymedia.org. Die einzelnen Sites werden autonom von lokalen Moderator_innen betreut, und sind untereinander vernetzt. Artikel werden ausgetauscht und, da indymedia recht schnell vielsprachig wird, von Freiwilligen-Teams übersetzt.

    Die Leistungsfähigkeit dieses globalen Netzwerkes zeigt sich sehr deutlich schon 2002. Der Anlass sind die Geschehnisse rund um den Putsch-Versuch gegen Venezuelas Präsidenten Hugo Chavez im April dieses Jahres. Rechte Militärs und Großindustrielle wollen den von einer breiten Mehrheit gewählten linken Präsidenten absetzen. Die privaten Fernseh-Sender sind auf ihrer Seite, die staatlichen Medien werden besetzt. So verbreiten sie die Information, es gebe Massenproteste “der Zivilgesellschaft”, die zu Millionen gegen Chavez auf die Straße gehen. Dazu werden Bilder von Großdemonstrationen gesendet. Die Medien Venezuelas berichten weiter, Chavez ergebene Regierungstruppen würden das Feuer auf Demonstrant_innen eröffnen. Auch dazu werden Bilder gezeigt, Heckenschützen sind zu sehen, Schüsse zu hören. Internationale Medien, allen voran CNN, übernehmen diese Darstellung. Allein: sie ist nicht richtig. Die Bilder von den Massenkundgebungen zeigen Pro-Chavez-Demonstrant_innen. Auch die Meldung, Chavez sei bereits zurückgetreten und aus dem Präsidentenpalast geflohen, wird von den Putschisten weltweit verbreitet – und sie ist ebenfalls falsch. Tatsächlich kommt es in Caracas zu einem Volksaufstand gegen die Putschisten. Und dass hier nicht Regierungstruppen auf die Zivilgesellschaft, sondern paramilitärische Heckenschützen auf Pro-Chavez-Großdemonstrationen schießen, wie weltweit in den Massenmedien berichtet wird, dass kann mensch ebenso weltweit via indymedia.org mitverfolgen. Die Demonstrant_innen können auf keine klassischen Medienkanäle zurückgreifen. Aber sie können Augenzeugenberichte auf die Indymedia-Plattform hochladen. Auf der venezolanischen Site werden Fotos, Artikel und Videos von den Protesten veröffentlicht. Binnen kürzester Zeit schalten alle anderen weltweiten Indymedia-Sites die Nachrichten aus Caracas durch. Selbstorganisiert und freiwillig arbeiten Internetuser_innen an Übersetzungen in diverse Sprachen. Die Nachrichten, die sie in die Welt hinaustragen, ergeben ein konsistentes Bild – aber eines, das vollkommen konträr zur Berichterstattung auf den internationalen Nachrichten-Kanälen ist und viele der gesendeten Bilder sofort widerlegt, weil das Material sichtbar wird, aus dem der venezulanische Fernsehsender seine Story gebastelt hat. Nach vier Tagen ist der Putsch zu Ende und CNN muss zugeben, Falschinformationen der privaten Medien aufgesessen zu sein. Nur Indymedia, das interkontinentale Netzwerk ohne zentraler Organisation, hatte funktioniert.

    Von WikiLeaks und GuttenPlag

    Indymedia ist heute nicht tot, aber es hat an Bedeutung verloren. Seine beiden Kernaufgaben waren, alternativen Informationen Raum zu geben und die Aufmerksamkeit auf diese zu lenken. Wie die arabischen Revolutionen im Frühjahr 2011 gezeigt haben, können andere Online-Plattformen beides inzwischen besser: Jede_r kann leicht einen Blog aufsetzen oder Videos und Fotos auf freie Plattformen hochladen. Mit Facebook und Twitter werden diese Informationen dann dezentral verbreitet. Zwar unterliegen praktisch alle dabei eingesetzten Plattformen kommerziellen Interessen, aber bisher ist noch kein Fall politischer Zensur bekannt geworden (das Wörtchen “bisher” ist hier sehr wichtig, und juristische Zensur gibt es immer wieder). Tatsächlich lösen diese neuen Plattformen einige Probleme, auf die Indymedia nie befriedigende Antworten fand. Zum Beispiel das der Moderation: mensch wollte zensurfrei sein, aber doch ganz eindeutig links. Rechte, faschistische, sexistische, rassistische Nachrichten sollten keinen Platz finden, und die Prüfung der Beiträge obliegen Moderator_innen-Teams. Das Erstellen klarer Regeln erweist sich als unmöglich und die Macht der Moderator_innen wird immer wieder kritisiert. Zu Recht: Ich war ab ihrer Gründung selbst einige Monate Moderator der österreichischen Indymedia-Seite. Es ist uns als Team nie gelungen, den Widerspruch zwischen objektiver Information und der Unterstützung einer Weltanschauung zu lösen. In der Social Media Welt ist jede/jede Leser_in gefordert, sich eine eigene Timeline zusammenzustellen. Jeder User ist sein eigener Moderator. Noch bedeutender ist, dass Social Media alternative Nachrichten dorthin bringt, wo die Menschen ohnehin Neuigkeiten konsumieren: in ihre Timeline. Um auf alternative Nachrichten auf Indymedia zu stoßen, muss mensch sich zu allererst mal für alternative Nachrichten interessieren. Das ist eine Hürde, die schon in der Vergangenheit oft nicht zu nehmen war.

    Chavez: Ein Staatsstreich von innen Julian Assange: Warum die Welt WikiLeaks braucht Ausschnitt aus einer Visualisierung des GuttenPlags zum Anteil der Plagiate in der Doktorarbeit 

    DIE SELBSTORGANISATION VON GEGENÖFFENTLICHKEIT
    ➊ Die vielfach ausgezeichnete Dokumentation «Chavez: Ein Staatsstreich von innen» arbeitet die Vorgänge, Abläufe und Hintergründe der Geschehnisse wie beispielweise die Rolle des Senders RCTV im April 2002 auf.
    ➋ Julian Assange im Juli 2010 zu Gast bei einem TED-Talk dazu «Warum die Welt WikiLeaks braucht».
    ➌ Mittels Crowdsourcing und einem Wiki als Plattform erbringen selbstorganisierte Internetuser_innen eine Rechercheleistung, die in anderen Organisationsformen kaum denkbar wäre. Die Visualisierung der Plagiatsstellen in Guttenbergs Doktorarbeit spricht für sich.

    Im diesem Sinne war Indymedia noch sehr am klassischen Medienmodell orientiert: Hier eine Redaktion, dort ein Publikum, dazwischen ein Vertriebsweg. Indymedia hat die Redaktionen, die Erstellung der Nachrichten demokratisiert. Bei den Vertriebswegen bleibt das Netzwerk aber zunächst bei klassischen Modellen. In Seattle dachte man noch recht starr in traditionellen Kanälen: Radio, Video, Print-Zeitung. Der Online-Auftritt lief in der Planung nur nebenbei mit. Nur zwölf Jahre später hat sich die alternative Medienwelt radikal verändert: Demonstrant_innen haben videotaugliche Handys. Sie brauchen keine Redaktionsräume mit Schnittplätzen, keine Standleitungen. Sie filmen und laden hoch, setzen automatisch eine Meldung auf Twitter ab … und die Nachricht ist draußen.

    Zusammenfassung

    Wie heißt es in der Deklaration von La Realidad: «Dieses interkontinentale Netzwerk alternativer Kommunikation ist keine Organisationsstruktur, es hat keinen zentralen Kopf oder Entscheidungsträger, kein oberstes Kommando und keine Hierarchien. Wir sind das Netzwerk, wir alle die sprechen und zuhören.» Dennoch wächst in der alternativen Berichterstattung Raum und Bedarf für redaktionelle Kompetenz. Beispiele dafür sind Plattformen wie «WikiLeaks», das «GuttenPlag Wiki» oder viele Plattformen, die sich dem Datenjournalismus verschreiben – in Österreich zum Beispiel «Kärnten 2020» für OpenGovernment und OpenData oder die Transparenz-Plattform amtsgeheimnis.at. So sehr sich diese Projekte voneinander unterscheiden, haben sie doch etwas gemeinsam: das nicht-kommerzielle Interesse von Aktivist_innen, die Öffentlichkeit aufzuklären. Dass dafür keine zentrale Plattform, schon gar kein physisches Independent Media Center mehr notwendig ist, weil jede und jeder mit ganz einfachen Inhalten ein eigenes Projekt starten kann, ist ein gewaltiger Entwicklungsschritt. Indymedia sind jetzt wir alle.

    • Lasst uns soziale Netzwerke bauen und ausbauen. Nützen wir dazu das Netz, nützen wir aber vor allem die Netzwerke für kritische und unabhängige Information und Kommunikation.
    • Lasst uns über nationale, sprachliche und kontinentale Grenzen hinweg zusammenarbeiten, Anteil nehmen und lernen.
    • Protest und Widerstand sollte der “anderen Seite” immer zwei Schritte voraus sein. Wir müssen Anliegen und Probleme so herausarbeiten, dass für sich sprechen und nicht weggewischt werden können.
    • Es ist viel wert, laufend neugierig und beweglich zu bleiben, wie wir kommunizieren können. Kommunikation ist ein Feedback-Prozess. Je mehr Feedback wir uns holen, desto wahrscheinlicher verbessern wir unsere Kommunikation.
    • Be a media activist.
    • Eine einmal aufgebaute und funktionierende Strukturen autonomer Medienarbeit sind kein Stein der Weisen, auf den Verlass ist. Wenn alles in Bewegung ist, auf Aktionen Reaktionen folgen, dann müssen auch unabhängige Mediencenter laufend neu erfunden werden. Don’t take anything for granted.
    • Lasst Daten sprechen, heißt nicht, dass Daten von alleine sprechen. Hier geht es um Arbeit, Arbeit die sich lohnt.